MOLACNNATs aus Lateinamerika zu Besuch in Berlin

Auf Einladung von ProNATs waren vom 22.–27. Mai Allen und Abel, zwei Vertreter der Lateinamerikanischen Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher (MOLACNNATs), zu Besuch in Berlin. Sie tauschten sich mit Aktivist*innen von „Jugendliche ohne Grenzen“ und der „Young Activist Academy“ aus, trafen sich mit einem Staatssekretär im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und gaben den „Lateinamerika Nachrichten“ ein Interview. ProNATs diskutierte mit ihnen über die aktuellen Herausforderungen der Bewegungen arbeitender Kinder im Globalen Süden und die weitere Zusammenarbeit und Unterstützung.

Allen (15 Jahre) und Abel (35 Jahre) kommen aus Iquitos und Arequipa in Peru. Sie engagieren sich seit ihrem 7. bzw. 11. Lebensjahr in den nationalen und kontinentalen Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher. Allen wurde kürzlich zum Delegierten und Abel zum „Mitarbeiter“ (Begleiter) der peruanischen MNNATSOP und der lateinamerikanischen MOLACNNATs gewählt. Diese Bewegungen entstanden Ende der 1970er Jahre und vernetzen inzwischen rund 250.000 arbeitende Kinder und Jugendliche in Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Venezuela. Gemeinsam kämpfen sie für ihr Recht, in Würde zu arbeiten, für bessere Arbeitsbedingungen, Respekt und Partizipation. Ein häufiges Motto der Kinderbewegungen lautet: "Ja zur Arbeit, Nein zur Ausbeutung!"

Bei einer Veranstaltung im Haus der Jugend "Fuchsbau" stellten sie ihre Bewegung vor und kamen bei einer Podiumsdiskussion mit Aktivist*innen von "Jugendliche ohne Grenzen" (JoG) und der "Young Activist Academy" (YAA) ins Gespräch. JoG ist eine seit 2005 bestehende Selbstorganisation junger Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Sie engagiert sich u.a. für ein Bleiberecht, gegen Rassismus und für das Recht auf Bildung. Die YAA, die aus dem Theaterprojekt „Kunst und Empowerment“ entstand, bietet jungen Menschen einen Raum, um sich gemeinsam für selbst gewählte Ziele zu engagieren. So setzt sie sich z.B. für die Rechte und gegen die Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja ein.

Zentrale Fragen der Podiumsdiskussion waren: Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Kämpfen junger Menschen in Lateinamerika und in Europa? Was macht Jugendaktivismus und Selbstorganisation erfolgreich? Welche Botschaften sollen nach außen getragen werden? Allen und Abel von MOLACNNATs kritisierten, dass Kindern und Jugendlichen nicht zugehört werde, sie politisch übersehen und von Entscheidungen und Wahlen ausgeschlossen würden. Auch eine verbesserte interkontinentale Vernetzung mit den Bewegungen Afrikas und Asiens bleibe eine wichtige Aufgabe. Wahed von JoG stellte heraus, dass Jugendliche oft nur als abhängige Opfer gesehen würden, und Estera von YAA kritisiert die fehlenden Räumlichkeiten und Ressourcen, wodurch aktives nachhaltiges Handeln erschwert werde. Die Aktivist*innen betonten zudem, es sei schwierig, ihre täglichen Pflichten zeit- und kräftemäßig mit ihrem Engagement zu vereinbaren.

Gemeinsam ist allen drei Organisationen, dass sie kreative, künstlerische und mediale Formate nutzen, um ihre Stimme zu erheben und sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit einzusetzen, für die sie die Regierungen weltweit verantwortlich sehen. Auch wenn es thematisch unterschiedliche Fokusse gibt, stellten die Aktivist*innen fest, dass Vernetzung und Solidarisierung wichtige Mittel gegen Rassismus, Diskriminierung und Rechtlosigkeit seien. Es brauche eine Jugend, die sich organisiert und Erwachsene, die sie dabei unterstützen, u.a. bei Sichtbarmachung und Anerkennung ihrer Sichtweisen, Erfahrungen und Forderungen sowie durch die Schaffung von Räumen und niedrigschwelligen Zugängen für politisches Engagement und Begegnung. Wichtige Forderungen der Podiumsgäste waren:

  • das Bleiberecht und das Recht auf Bildung für Kinder und Jugendliche unabhängig von Herkunft umsetzen;
  • Diskriminierung abschaffen, Gerechtigkeit durchsetzen;
  • sexualisierte Gewalt stoppen;
  • Freiheit und Gerechtigkeit schaffen, Unterdrückung und Marginalisierungen bekämpfen;
  • nicht über, sondern mit Kindern und Jugendlichen sprechen, damit sie selbst für ihre Rechte einstehen können;
  • subjektorientiert zuhören, statt ignorieren;
  • die unterschiedlichen Realitäten junger Menschen anerkennen; 
  • Selbstorganisation und eine bessere Vernetzung selbstorganisierter Kinder- und Jugendbewegungen ist und bleibt notwendig.

Das Gespräch mit Johann Saathoff, SPD-MdB und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), kam auf Initiative der Kinderrechtsorganisation terre des hommes zustande. Saathoff zeigte Verständnis für die arbeitenden Kinder und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als 16-jähriger Hafenarbeiter. Er hob einerseits die Wichtigkeit von Gewerkschaften und die Solidarisierung unter Arbeiter*innen hervor, betonte andererseits das Ziel der Politik, seines Ministeriums und seine persönliche Ansicht, dass Kinderarbeit zu beenden sei. Es sei der „Job von Kindern, erwachsen zu werden“ und sich auf das Leben vorzubereiten. Dennoch erkannte er an, dass Kinder aufgrund von Armut oft keine anderen Möglichkeiten hätten als zu arbeiten und es daher in den Arbeitskontexten gewisse Mindeststandards für sie brauche. Allen und Abel von MOLACNNATs betonten, es sei fundamental wichtig, den arbeitenden Kindern selbst zuzuhören und sie in die Politik mit einzubeziehen. Ihre Organisationen müssten von internationalen Organisationen als gleichberechtigte Partnerinnen respektiert werden und bräuchten mehr finanzielle Unterstützung (siehe die Pressemitteilung von terre des hommes).

Im Interview mit den „Lateinamerika Nachrichten“ und dem abschließenden Gespräch mit ProNATs zeigten sich die beiden Vertreter von MOLACNNATs beeindruckt, dass es auch in Deutschland Organisationen junger Menschen gibt, die sich gegen Diskriminierung und Unterdrückung einsetzen. MOLACNNATs und ProNATs kamen zu folgenden gemeinsamen Schlussfolgerungen: 

  • „Kinderarbeit“ ist ein komplexes Phänomen, das nicht von oben und mit Verboten aus der Welt geschafft werden kann. Die Arbeit von Kindern muss in einem dekolonialen und transkulturellen Sinn kritisch gewürdigt und die euro-westlichen Begriffe „Kindheit“ und „Arbeit“ müssen hinterfragt werden. Die Ausbeutung von arbeitenden Kindern und Jugendlichen muss gemeinsam mit den Betroffenen vor Ort bekämpft werden.
  • Pauschale Arbeitsverbote haben negative Folgen für die arbeitenden Kinder: sie vernebeln das Bewusstsein über die Ursachen und tatsächlichen Erfahrungen der arbeitenden Kinder und gefährden ihre Identitäten; sie führen zu Denunziationen der arbeitenden Kinder in der Öffentlichkeit und in Schulen und begünstigen Unterdrückung und Gewalt gegen sie. Diese Folgen müssen thematisiert und ihnen muss entgegengewirkt werden.
  • Es muss deutlich zwischen „ausbeuterischer“ und „würdiger“ Arbeit von Kindern unterschieden werden. Bisher wenig beachtete Tätigkeiten von Kindern, die sich sowohl in Europa als auch im Globalen Süden finden, z.B. als Influencer*innen in den digitalen Medien, als Betreuer*innen pflegebedürftiger Angehörigen (Sorgearbeit) oder als Übersetzer*innen in migrantischen Familien, müssen im Diskurs über „Kinderarbeit“ und entsprechenden politischen Handlungsansätzen aufgegriffen werden.
  • Alle Beteiligten bekräftigen die Idee, zukünftig den Süd-Süd-Austausch zwischen Kindern und Jugendlichen zu fördern und sich für dessen finanzielle Förderung einzusetzen.

Der Berlin-Besuch von MOLACNNATS wurde unter anderem unterstützt vom Land Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit.

Die spanische Version dieses Berichts finden Sie hier.

Aktualisiert: 22.05.2026

Eindrücke des Berlin-Besuchs